Rezensionen
bei Amazon
"Gegen alle Hoffnung"
Dieter Kannenberg
"Seismograph der Jahrhundertwende"
Wenn "Traumstraßen blutwundgefegt" (Todblau
leuchtet der Abend Vergessen), "zerquetschte Gedärme das Pflaster
benetzen" (Zeitzeuge) fühlt man sich in der Bildsprache an den
"Medizyniker" Benn erinnert: Ulrich P. Hinz erweckt in seinen
sprachlich virtuos ausgeführten Texten traumgleich mit dem Mut zur
Ästhetisierung des Häßlichen, ohne gekünsteltes Harmoniestreben eine
Welt der Vereinsamung und Entmenschlichung, in der das Individuum von
seiner Außenwelt gleichsam "gelebt" wird und darin
Verzweiflung und existentielle Bedrohung erfährt.
Wie kommt es, daß seine Texte "gegen alle
Hoffnung" dennoch nicht perspektivlos bleiben? Sie konfrontieren
den Leser mit dem Reflex des Ichs auf diese Trostlosigkeit seines
Daseins am Beginn des 21. Jahrhunderts; nämlich mit den Sehnsüchten
und Träumen eines Ichs, das die reale Welt um sich als aus den Fugen
geraten wahrnimmt, aber in der Versprachlichung seiner Verletzlichkeit
den unbedingten Willen zeigt, sich seiner Dissoziation zu stellen, und
dadurch dem Leser eine klare Lesart gleichsam als Appell nahelegt: 1.
Erkenne die Banalität des Lebens als außengesteuert. 2. Lasse nicht
zu, daß sie deine Gedanken gefangen nimmt.
Der Band "Gegen alle Hoffnung" ist somit
Bestandsaufnahme einer auf sinnentleerten Ritualen sich gründenden und
überkommenen Gesellschaft und Ausweg aus deren Banalität zugleich. Der
Autor deutet die Konsequenzen der heutigen entemotionalisierten
Wirklichkeit als fragil und leblos und stellt ihr als Wert das in seinen
Gedanken immer autonome Individuum gegenüber. Der Mensch hat trotz
aller Hoffnungslosigkeit stets die Möglichkeit, sich den Bedingungen
seines Daseins bewußt zu werden und bei aller Zergliederung der Umwelt
in dieser Möglichkeit eine ewige Konstante zu erkennen. Hierin liegt
die große Menschlichkeit, Schönheit und letztlich auch Hoffnung des
Bandes von Hinz, der den Einzelnen als autonom über die vermeintlichen
Ansprüche einer deformierten Gesellschaft stellt. Aufgrund des
künstlerischen Gehalts der Sprachmittel gelingt es Hinz in seinen
Texten, diese aktuellen Zeitphänomene in zeitlose zu wandeln. So
erklärt sich der hohe Wiederlesewert dieses Bandes, den man immer
wieder zur Hand nimmt, um in ihm etwas über sein eigenes Menschsein zu
erfahren.
Dr. Claudia Maria Korsmeier
"Faktum est"
Der Epilog dieses Bändchens mit 61 Gedichten und Prosa-Texten spricht sozusagen Bände. Unter dem Titel „Faktum est" heißt es: „Wisse: / Es gibt so vieles auf dieser Welt zu sagen / Und dennoch ist da nur ein einziger / Der es genauso sagen kann / Wie du".
Dieser Text ist Programm, auch wenn er am Ende des Buchs „Gegen alle Hoffnung" von Ulrich P. Hinz steht. Denn die Themen sind einem vertraut, und es sind Themen, die anzusprechen in vielerlei Hinsicht wichtig ist, betreffen sie doch ebenso philosophische und soziologische wie politische, aber auch ganz alltägliche Gedanken. Aber was der Münsteraner Autor dazu zu sagen hat, ist anders, als es sonst gesagt wird, und neu, weil Ulrich P. Hinz Worte findet, die schön sind, doch ziemlich stören und aufrütteln. Schon der Titel dieser Sammlung mit hoffnungsgrünem Umschlag („Gegen alle Hoffnung") ist so formuliert, daß der Leser nicht gerade beim ersten Schritt darüber stolpert, aber immerhin ins Straucheln gerät. Dabei nimmt Hinz seinen Lesern zwar nicht die Hoffnung, allerdings eine gehörige Portion Selbstsicherheit.
In der Mehrzahl findet man hier Gedichte (zum Teil mit Endreim, aber nie glatt), doch auch die Kurzprosa ist lyrisch komprimiert und manchmal geradezu aphoristisch. Der Autor, der in Münster Philosphie, Germanistik und Volkskunde studiert hat, schreibt seit langem und hat seine Texte bisher schon auf den Homepages „Gedanken eines Seiltänzers" und „Kopfgefängnisse" veröffentlicht. Zwischen zwei Buchdeckeln gedruckt, gewinnen die ausgewählten Texte noch einmal an Eindringlichkeit.
Fakt ist, daß Hinz viel zu sagen hat und daß er es so sagt, wie man es noch nicht gehört hat und wie nur er es sagen konnte.
Dr. Michael Flöer
"Harte Worte und zarte Worte"
"Ich möchte Gedichte zerstören / Im offenen Kampf / Mit Hammer und Schwert" - Ganz schön harte Worte, die der Poet einem seiner vielen 'Ichs' in den imaginären Mund legt! Auch der Titel des Bandes, "Gegen alle Hoffnung", scheint ja eher Düsteres zu versprechen. Aber Gemach.
Der Poet ist der Schriftsteller Ulrich P. Hinz, der hier in seinem ersten eigenständigen Band einen Querschnitt seines bisherigen Schaffens vorlegt. Er teilt ihn in drei Bücher: I. Gedichte, II. Kurzprosa und III. "Einfach nur müde".
Die 42 Gedichte sind in ihren Formen und Themen sehr unterschiedlich. Harte Worte gibt es darin, brutale Gedanken, aber auch sehr zarte Töne, solche von tiefer Liebe und von Träumen. Reime und freie Rhythmen. Gedichte wirken im Kopf des Lesers, und zwar bei jedem anders. Deswegen nur das: Diese hier SIND lesenswert, also laßt sie auf euch wirken.
Im zweiten Teil präsentiert U. P. Hinz eine Auswahl von 18 Prosatexten von zum Teil aphorismenhafter Kürze. Manch eine macht den Eindruck einer Keimzelle für eine längere Geschichte - oder sogar einen Roman? Versonnenes, Bissiges, Humorvolles... Auch hier präsentiert der Autor ein breites Spektrum. Und mit 'Richard Urdal' ist ihm eine Figur gelungen, die man bestimmt nicht persönlich kennenlernen, von der man aber garantiert mehr lesen möchte.
Der letzte Teil, "Einfach nur müde", ist der längste Text dieses Bandes und in gewisser Weise eine Hommage an Charles Bukowski - aber keine Kopie. Daß hier - "Gegen alle Hoffnung"? - kein Happy End erreicht wird, sollte niemanden vom Lesen abhalten. Schließlich folgt noch ein Epilog, den man dann vielleicht doch als Hoffnungsschimmer verstehen kann... aber mehr wird hier nicht verraten.
"Gedichte zerstören"? Ulrich P. Hinz hat jedenfalls das genaue Gegenteil getan. Nämlich etwas geschaffen, ein kleines poetisches Universum: vielfältig, formenreich und voller verblüffender Gedanken. Astronomen behaupten, unser Kosmos expandiere. Diesem hier ist das ganz bestimmt zu wünschen. Schaut rein, taucht ein, freut euch an den Sternen!
|